karin barth - comme ci comme ca II

Stephan Brenn „Verdichtung“

 

Der Kölner Künstler Stephan Brenn, Jahrgang 1961, arbeitet vorwiegend mit

gefundenen Materialien, die er entweder als objets trouvés einsetzt, zu Collagen fügt oder zu Kleinskulpturen aufbaut. Dabei gibt es nur minimale Eingriffe, verblüffend wirkt häufig die neue Kombination vermeintlich wertloser Abfallstoffe oder defekter Geräte, Elektrobauteile, zweckenthobener Utensilien.

 

Seit Jahren sammelt Stephan Brenn auch Drahtstücke jeglicher Herkunft und Verformung. Hat er sie bislang in sogenannten „Drahtzeichnungen“ zu chiffreartigen Materialkalligrafien an der Wand arrangiert, geht er mittlerweile zu immateriellen Wiedergabemedien über. Diese ornamentalen Bilder werden zum Teil in mehreren Schichten über Overhead-Projektoren zu teils auch bewegten Lichtspielen an die Wand, auf eine Leinwand ins Schaufenster oder

in diesem Fall auf ein Gebäude übertragen.

 

Die Kompositionen bleiben dabei nicht starr, sie werdenregelmäßig neu choreografiert und formen so ständig wechselnde Szenerien. In einer weiteren Stufe werden dann diese Schattenbilder wiederum bewegt, indem der Künstler Projektionsfolien beim Abspulen abfilmt. Diese verschiedenen Endprodukte

sind also über mehrere Stufen gewonnene Destillate, die in ihrer poetischen Kunstform die „armen“ primären Materialien weit hinter sich lassen. So entsteigen den rostigen Zivilisationsresten unirdische, ätherische Gebilde. Die bewegten Zeichen erinnern in ihrer losgelösten kürzelhaften Bildsprache an Zeichnungen von Cy Twombly oder Strukturen von Henri Michaux.

 

 Karin Barth,

comme çi comme ça II, salon d‘art

tobias hoffmann - museum für konkrete kunst ingolstadt

Die Schönheit des Banalen

 

Stephan Brenn sammelt, beobachtet, erforscht, macht Kunst. Er ist ein Entdecker und Sichtbarmacher von Dingen, die eigentlich schon für immer verschwunden waren. Seine Fundstücke erzählen Geschichten über den Ort, von dem sie stammen und über eine Gesellschaft, die Wegwerfgesellschaft

genannt wird. Es sind ungewollte, überflüssige und übrig gebliebene Objekte,

die in ihrer ursprünglichen Gestalt deformiert wurden. Sie haben Zufallsformen

angenommen, die per se jedoch auch logischen Gesetzen folgen. Im Nutzungsprozess werden ihre Gebrauchsformen umgeformt, dekonstruiert. Die Deformation löst sie aus ihrem Funktionszusammenhang und macht sie wieder zu Rohmaterialien der Industriegesellschaft. Gleichzeitig visualisieren sie

die Magie ihres Verwandlungsprozesses vom funktionalen Gegenstand zum achtlos weggeworfenen und doch unbewusst gestalteten ästhetischen Objekt.

 

Stephan Brenn öffnet die Augen für die Schönheit des Banalen, indem er minimal eingreift. Er arrangiert, ordnet an, komponiert und

unterstreicht die Charakteristik der Zufallsformen, indem er sie zu einem Dialog untereinander führt. Durch die geometrischen Formen Kreis und Rechteck, zu denen er seine Fundstücke komponiert, gibt Stephan Brenn den Objekten eine neue, rein ästhetische Aura. Die Drahtzeichnungen spiegeln also einen doppelten Formprozess wider. Im ersten Schritt werden die Dinge durch ihre

industrie-kulturelle Verwendung deformiert und der Aura ihrer Nützlichkeit beraubt, dann im künstlerischen Prozess der Auswahl und Kombination behutsam zu einer neuen Form zusammengeführt, sodass sie im Schutz der selbstverständlichen geometrischen Metaform ihren ganz individuellen

ästhetischen Reiz entfalten können.

 

Tobias Hoffmann,

Leiter Museum für Konkrete Kunst,

Ingolstadt

anke von heyl - kunsthistorikerin

Die fabelhafte Welt der Dinge

 

 

Ganz langsam schiebt sich eine riesige Hand ins Blickfeld. Sie hält etwas, das sie ganz vorsichtig ins Zentrum der hell erleuchteten Fassade des Gründerzeitbaus schieben wird. Als die Hand verschwindet, zeichnet sich dort im hellen Schein - deutlich und irreal zugleich - eine überdimensionale Glühbirne ab. Eine schönes Bildzeichen, mit dem der Künstler Stephan Brenn seine Lichtinstallation auch einer kleinen ironischen Anmerkung ausliefert.

Aber das ist es nicht allein. Denn durch die intensive Licht-Schatten-Wirkung wird die Struktur der Glühbirne herausgearbeitet und bietet so ganz neue Möglichkeiten der Wahrnehmung. Man bemerkt die gedrängte Rundung der Fassung mit ihren Einkerbungen. Und die Zartheit der Glühfäden im Zentrum eines Glases, welches seltsam irisierend als solches auf der Hauswand erkennbar ist.

Überhaupt wird die Fassade zu einer Art Bühne und die Häuser, die Stephan Brenn für seine Licht-Installationen aussucht, erhalten ein Gesicht, beginnen eine ganz eigene Wirklichkeit zu entwickeln.  Dabei entfaltet sich eine Ästhetik die abseits jeglicher Jagd nach billigen Effekten liegt, wie sie doch gerne mit Medienfassaden und Lasershows inszeniert wird.

Stephan Brenn arbeitet mit einem handelsüblichen Overhead-Projektor, der allerdings mit einer sehr leistungsstarken Birne die Grundlage seiner Inszenierungen bereitet. Sorgfältig sucht der Künstler nach der optimalen Stelle gegenüber dem Objekt seiner Wahl und positioniert sich mit einem Handwagen voller Fundstücke neben der Lichtquelle. Und dann beginnt es, das ganz besondere Licht-Theater des Stephan Brenn. Er nimmt einen Gegenstand und lässt ihn mal langsam, mal schneller in der Lichtquelle auftauchen – oft überlagern sich die einzelnen Gegenstände. Brenn schiebt sie übereinander, zieht das eine heraus, während er das andere einschiebt. Einer inneren Choreographie folgend entsteht ein ständiger Wechsel von Ornamenten und Formen, die die beleuchtete Architektur akzentuieren und in einen besonderen Ort verwandeln.

Ein besonderer Ort, der Geschichten erzählt. Ob es nun die unbeleuchteten Fenster sind, die durch die Lichtquelle das Hausinnere sichtbar machen – oder beleuchtete Fenster, aus denen ein Bewohner neugierig herausblickt – alles wird zum Teil der Geschichte, die der Künstler mit seinen außergewöhnlichen Materialien erzählt. Das Akkordeon – eine metallene Abdeckung, die einmal das Musikinstrument zierte – liefert florale Ornamente aber auch die Assoziationen von Zigeunermusik und durchtanzten Nächten.

Das scheint überhaupt das Geheimnis der Kunst von Stephan Brenn zu sein – die poetische Ausstrahlung der gefundenen Materialien, die in einem neuen Kontext zu Höhenflügen der Phantasie antreten. Da wird eine alte Bettfeder erkannt, die lustige Spiralen bildet und auf all das Erlebte in den Schlafzimmern hinter der Hausfassade zu verweisen scheint. Am allerschönsten aber sind die Stücke bunten Kunstglases, die Brenn gekonnt in Szene setzt. Hier streift der Künstler seine eigene Biographie, denn er blickt auf eine Ausbildung als Kunstglaser zurück, die ihm natürlich auch die Erkenntnis brachte, wie viel Eigenleben so ein mundgeblasenes farbiges Stück Glas entwickeln kann. Wie anders wirken doch solche Akzente im Gegensatz zu den oft gleichmäßig eingefärbten Plattitüden so mancher Lichtkunstwerke.

Eines seiner gelungensten Projekte ist die Inszenierung des Museum Schnütgen, das in der romanischen Basilika St. Cäcilia untergebracht ist. Da ein Schwerpunkt der Sammlung auf mittelalterlichen Kirchenfenstern liegt, tauchte Brenn die Fassade der Kirche in ein buntes Meer aus Bruchstücken, die sich mit ihrer Kunstglas-Ästhetik inhaltlich wie formal perfekt an den mittelalterlichen Bau anpassten und sogar noch den Innenraum mit ihrer Farbigkeit erreichten. Als Neben- beziehungsweise hier wohl eher V-Effekt bezog Brenn auch die Baumaschinen der Baustelle am Neumarkt in die Inszenierung mit ein. Selten ist ein Kulturort in Köln so facettenreich und intelligent inszeniert worden.

Stephan Brenn bezeichnet sich auch schon einmal als OJ „Overhead-Jockey“ und versteht die Lichtinstallation als Performance. Daneben erarbeitet er mit seiner Lichtkunst aber auch ständige Installationen, die im urbanen Umfeld zur Gestaltung von Platzsituationen sicher eine gelungene Alternative zur normalen Beleuchtung darstellen.

Die Faszination „Licht“ ist schon Jahrtausende alt. Trotz der Zunahme von Lichtmüll vor allem in den großen Städten, schaffen Künstler wie Brenn es, den Betrachter immer noch durch ihre Werke in den  Bann zu ziehen. Wo jedoch andere sich schon mal gerne dem ‚kultischen‘ Charakter der Lichtinszenierungen hingeben und sich einer gewissen manipulativen Wirkung nicht verwehren können, bleibt Stephan Brenn bei den einfachen „handgemachten“ Dingen, die anrührend und bodenständig zugleich wirken. Dennoch haben sie viel zu erzählen und lassen den Betrachter mitsamt dem Gebäude, das angeleuchtet wird, zu Akteuren einer ausgedehnten Phantasiereise werden.

 

Anke von Heyl, Kunsthistorikerin